St. Patrick, die Schlangen und Shanghais Pubs

Bitte die Pforte schließen. Hier spielen Kinder. So steht es auf Englisch und Chinesisch an der Gartentür des Flying Fox. In der Einöde Pudongs an einer sechsspurigen Avenue. Ein familienfreundliches Lokal als Startpunkt eines Pub Crawls, vulgo Sauftour, zu Ehren des Heiligen Patrick, der heute vor exakt 1533 Jahren in Irland verschied und dem am 17. März in aller Welt gehuldigt wird? Sei’s drum. Auch dass wir mit einem Murphy’s statt mit einem Guinness starten, sei dem Ort geschuldet. Es ist der einzige irische Pub, der vor elf schon den Zapfhahn auf hat. Shanghai ist nicht unbedingt für seine irischen Pubs berühmt. Am großen Tisch im weitläufigen Garten sitzen, während eine chinesische Kleinfamilie ihrem Prinzen Anschwung auf der Schaukel gibt, acht Guytais aus fünf Nationen. Ein Ire ist nicht dabei, aber immerhin einer rothaarig und einer hat am 17. März Geburtstag (ich). Was ein Guytai ist? Taitai ist chinesisch und heißt Ehefrau. Und die hütet zu Hause Herd und Kinder, zumindest idealtypischerweise. Guytai heißt, im Expatsprech, der Ehemann, der, während seine Frau in der Stadt der Zukunft Geld scheffelt, Haus, Herd und Kinder hütet. Meistens. Heute eben nicht.
Heute ist St. Parick’s Day und wir Guytais haben frei, manche, wie ich, nur bis mittags. Deshalb lassen wir uns exakt um 10.15 Uhr das erste Pint Stout die Kehle hinabrinnen. Möge der Vormittag doch ewig dauernund könnten wir hier Wurzeln schlagen! Aber halt: Sitzfleisch ist heute nicht gefragt! Noch vor die Uhr elf schlägt entern wir zwei Minivans, die samt Fahrern eigentlich auch nur den besser verdienenden Ehefrauen zustehen, vom Flying Fox ins The Irishman, wo das Personal träge grüne Luftballons aufpustet und für die Abendgäste an den Guinness-Girlanden befestigt, während gelangweilt zwei Einheimische eine Runde Pool spielen. Immerhin: Der Bartender zapft stilecht ein Kleeblatt in den dunkelchampagnerfarbenen Guinness-Schaum. Die Mär sagt, dass Könner das dunkle Nass so darunter wegschlucken können, dass der Shamrock auch im leeren Glas zu erkennen ist. Von uns glückt das keinem. Also noch eins? Nein. Ein Pubcrawl ist kein Sich-irgendwo-festsaufen-Event, sondern eine Studienfahrt durchs Reich des Stoutrauschs. Die Fahrer halten uns die Türen auf, wir sortieren uns – die kleinen, also ich, nach hinten und die mit den langen Beinen auf den Beifahrerseitz – und ab geht’s ins The Brew, dem postmodern-lichtdurchfluteten Gegenteil des Irishman. Blitzende Braukessel bilden das Zentrum der Bar im Kerry Hotel, dessen beanzugtes Personal quasi Spalier steht, um uns zur Tränke zu geleiten. Dunkles Heimgebrautes in merkwürdig kleinen Gläsern steht bald vor uns und ist bald geleert, sofort geht es … Nein! Diesmal nicht gleich in die Minivans, sondern eine schmale Wendeltreppe zwischen den Braukesseln nach oben, wo uns Keltermeister Leon stolz das zweite Hausgetränk präsentiert: Cider. Irischen Apfelwein auf chinesisch. Kein Vergleich zum echten Stöffche, obwohl Leon vom prickelnden Champagner-Charakter des süßen Gesöffs und den acht Prozent Alkohol schwadroniert. Chinesische Apfelsorten sind einfach zu süß, sogar die Granny Smiths. Und der Speierling für das Herbmachen scheint hier unbekannt. Nun gut, nachdem die Probiergläser geleert sind, es geht sehr schnell, sitzen wir ruckzuck wieder in den bereitstehenden Minivans und wechseln die Flussseite, von mir aus gesehen von Dribbdebach nach Hibbdebach. Vorausgesetzt es stimmt, dass nur im The Brew Apfelwein gebraut wird, ist Pudong ja tatsächlich das Sachsenhausen Shanghais und der Flaschenöffner der Henninger Turm. Der Blarney Stone in der French Concession ist nächstes Ziel, hier darf sogar mal ein zweites Dunkelth to our Health gelitert werden:
Lunchpause mit Beef Stew, der schmeckt, als habe man ein paar undefinierbare Brocken Kuh mit ein paar Brocken Kartoffeln in brauner Maggitunke zusammen gekocht und mit reichlich Wasser verlängert. Kurz: Es schmeckt eher britisch als irisch. Die chinesische Note liefert das Besteck. Messer und Gabel statt Löffel. Simon packt ein Spiel aus, so viel Zeit darf jetzt sein. Jeder Teilnehmer bekommt einen Metallgriff mit Knopf in die Hand bekommt, der über ein Kabel mit der Zentraleinheit verbunden ist. Wenn das auf dieser Zentraleinheit flackernde Licht die Farbe wechselt, muss man schnell den Knopf drücken.
Der Erste darf sich freuen, alle anderen bekommen einen Stromschlag verpasst. Nach viereinhalb Guinness, einem Murphy’s, einem Brews und einem halben Schoppen Shanghai-Äppler geht das noch ganz gut. Nach drei Runden packt Simon wieder ein. Die Mittagspause ist zu Ende, der nächste Pub wartet. Die Irish Bar Nr. 9 am People Square. Jann erzählt, wie er einmal den echten Blarney Stone in Irland geküsst hat, was Glück bringen soll, und man rätselt, was eigentlich so toll am Heiligen Patrick war, bis Brian einfällt, dass der gute alte Paddy ja Irland von Schlangen befreit hat. Was wiederum die Frage aufwirft, wo die China-Restaurants der Insel ihre Schlangen für das original chinesische Essen herbekommen und ob überhaupt einer von uns katholisch ist und überhaupt. Das Trinktempo lässt nach, die Sprechgeschwindigkeit steigt. Zeit zum Aufbruch. Die Kinder warten. Als Guytai hat man seine Verantwortlichkeiten. Als ich neben Oskar im Garten im Gras liege – erwähnte ich schon, dass es, wie immer an meinem Geburtstag, ein herrlicher Frühlingstag war? – denke ich darüber nach, wie Patrick das mit den Schlangen gemacht haben könnte. In Guinness ertränkt? Oder landete bei einem Pubcrawl durch Dublins Chinarestaurants eine nach der anderen im Kochtopf bis keine mehr übrig war?

Gegen Schlangen: Dunkles Guinness.

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