Das Unerläßliche – eine kleine Toilettenkunde


„Das Scheißen ist uns unerläßlich
Davon zu reden ist gar häßlich.“

Mit diesen Zeilen aus einem Gedicht meines Vaters möchte ich die zarter Besaiteten unter meinen Lesern darauf hinweisen, dass nun eine in Teilen häßliche Shanghai-Beijing-Toiletten-Geschichte folgt. Bitte nicht beim Essen lesen oder beim Lesen essen!

Die Horror-Stories über chinesische Toiletten sind Legion. „Igittigitt wie eklig ist das denn!“, ist der allgemeine Tenor. Dann wird über üble Gerüche lamentiert, über fehlendes Toilettenpapier und über die Mühe, die es macht, sich über ein mehr oder minder mit Edelstahl oder weißem Email verkleidetes Loch im Boden zu hocken.
So what? Knirschen die Knochen und knacken die Gelenke, wenn Ihr eine einfache Übung wie das „Auf-den-Boden-Hocken“ nicht hinbekommt? Zugegeben: In manchen Kabinen scheint auch der eine oder andere Einheimische Probleme beim Zielen zu haben – mit entsprechendem Ergebnis. Aber das war in meinen drei Monaten Shanghai, Beijing und Guilin die absolute Ausnahme. Ich möchte nun eine, ja sogar drei Lanzen für Chinas öffentliche Toiletten brechen.
Erstens: Toiletten sind – zumindest in Beijing und Shanghai in großer Zahl vorhanden. Was habe ich von einem nach Veilchen, Lavendel und Rosen duftenden Luxusklo mit handgeschöpftem, seidenweichem Toilettenpapier, das nach jeder Benutzung quasi grundrenoviert wird, wenn es vielleicht eines davon in der ganzen Stadt gibt, das nur nach einem langen Marsch zu erreichen ist und dessen Warteschlange den Umfang der Chineischen Mauer locker toppt? Dann schon lieber an jeder Ecke ein einfacher, zweckmäßiger Abort. Das spart Reise- und Lebenszeit.
Zweitens: In viel von Touristen besuchten Gegenden – und in den Zügen – klebt an jeder einzelnen Tür ein Piktogramm, das anzeigt, ob drinnen die Notdurft in einem Stehklo oder einem Sitzklo verrichtet werden kann. Ihr habt die Wahl: Passt Ihr Euch den Gepflogenheiten des Gastlandes an oder Ihr lasst den Kulturimperialisten heraushängen und nutzt nur die eigens für den verwöhnten Gast aus dem Goldenen Westen installierten Toiletten?
Drittens: Ein öffentliches Klo bleibt ein öffentliches Klo und riecht auch so. Punkt. Keiner zwingt Euch, Euch länger als notwendig dort aufzuhalten. Oder soll man für teuer Geld – und mit viel elektrischer Energie – ausgetüftelte Abluft- und Klimatisierungssysteme installieren, alle Nase lang Duftstoffe aus dem Chemiewerk sprühen oder im Minutentakt mit scharfen Reinigungsmitteln feucht durchwischen? Wo bleibt da Euer ökologisches Gewissen?
Männer wissen, was es mit dem kleinen Schritt nach vor auf sich hat!

Kommt mir bloß nicht mit Hygiene! Ein Loch im Boden, in dem alles verschwindet und ich nur mit den Füßen eventuell mit den Resten meiner Vorscheißer in Verbindung komme, überträgt weniger Keime als die TV-Fernbedienung in meinem Hotelzimmer, die meine Vormieter nach fettem Essen, Toilettengang oder Geschlechtsverkehr mit ungewaschenen Händen benutzt haben. Und die, im Unterschied zu Chinas öffentlichen Toiletten, nie geputzt wird.

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